Erklärung der YXK Marburg zu den Gesprächen mit den Marburger Abgeordneten der CDU/ SPD

Nach der einseitigen Beendigung des Lösungsprozesses zwischen der PKK und dem Staat durch den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, hat dieser den Konflikt in Kurdistan zu einem umfassenden Krieg gegen die Kurd*innen eskalieren lassen. Allein seit dem Ausbruch der Gewalt im Juli 2015 sind diesem Krieg mehr als 1.000 Menschen zum Opfer gefallen. Mehr als eine Million Menschen wurden durch das brutale Vorgehen des türkischen Regimes in die Flucht getrieben. Plünderungen und Brandstiftungen als Kollektivbestrafung der Bevölkerung durch türkische Regimekräfte sind Alltag. Ganze Städte wurden und werden dem Erdboden gleich gemacht. Amed/ Sûr – Cizîr – Farqîn – Gever – Hezex – Nisêbîn – Qoser – Silopî – Şirnex sind nur einige wenige Städte, die als Synonym für den türkischen Staatsterror in Kurdistan stehen.
Uns in Marburg lebenden Kurd*innen bereiten diese Geschehnisse – auch vor dem Hintergrund, dass unsere Verwandtschaft vor Ort direkt betroffen ist – zunehmend Sorge. Mit der immer mehr in den Mittelpunkt tretenden, sogenannten Flüchtlingskrise wurde der Türkei auch seitens der Bundesregierung eine immer stärkere Rolle zugesprochen. Leider hat die Bundesregierung im Wege des „Interessenausgleichs“ mit der Türkei beschlossen, die Kurd*innen aber auch ihre eigenen Werte wie Menschenrechte und Pressefreiheit zu opfern. Anders ist es nicht zu erklären, dass die Türkei wegen ihres Vorgehens in Nordkurdistan sowie gegen oppositionelle Medien kaum öffentlich durch die Bundesregierung kritisiert wird.
Wir als Marburger Ortsgruppe des Verbands der Studierenden aus Kurdistan haben vor etwas mehr als einem Monat beschlossen, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, aktiv das Gespräch mit Politiker*innen vor Ort zu suchen und unsere Sorgen mit diesen zu teilen.
Von der SPD kam leider keine ernsthafte Antwort auf unsere Anfrage. Vielmehr seien sowohl ihr Bundestagsabgeordneter Herr Bartol als auch ihre Landtagsabgeordnete Frau Özgüven derzeit nicht in der Lage mit uns einen Termin zu vereinbaren. Um Geduld und Verständnis wurde gebeten. Wir können Politiker*innen nicht zwingen mit uns ins Gespräch zu kommen, also warten wir. Aber Verständnis können und werden wir nicht aufbringen: nicht während unsere Verwandten getötet und vertrieben werden, nicht während unsere Heimatstädte zerstört werden.
So führten wir mit vier Freund*innen unserer Ortsgruppe und des Kurdistan Solidaritätsbündnisses lediglich ein Gespräch mit dem Marburger CDU-Bundestagsabgeordneten, Herrn Dr. Stefan Heck. Schon zu Beginn wurden wir „herzlich“ begrüßt und gefragt, ob wir denn auch in Deutschland geboren worden seien, was uns auf anhieb ein warmes Gefühl von Zugehörigkeit und Sympathie vermittelte.
Im folgenden Gespräch hat Herr Dr. Heck uns die Gelegenheit gegeben, unseren Standpunkt und unsere Sorgen im Bezug auf die Kriegspolitik der Türkei und die unterstützende Rolle der Bundesrepublik näher zu bringen. Man sollte doch meinen, dass man sich als Politiker*in auf ein gewisses Gespräch vorbereitet, jedoch wusste Herr Dr. Heck weder wer die YXK ist, noch ob wir ein bundesweit eingetragener Verein sind. Auch die Geschehnisse in Kurdistan (im Südosten der Türkei) schienen ihm sehr neu zu sein. Es war ein beruhigendes Gefühl festzustellen, dass die derzeitige Bundesregierung, den Kriegstreiber Erdogan unterstützt, und ihre eigenen Mitglieder über die aktuelle Lage vor Ort keine Kenntnis haben. Kritische Fragen wurden zwar zum Teil beantwortet, aber teilweise dann auch durch Ausreden abgewehrt; vor allem beim Thema „PKK-Verbot“. Gerade dann fiel Herrn Dr. Heck ein, dass er leider keine Zeit mehr habe. Daraufhin mussten wir leider dieses atmosphärische Gespräch beenden.
Ein öffentliches Foto wurde, wie zu erwarten war, verweigert. Vielleicht hatte man zu große Angst, die Karriere könne darunter leiden, wenn man sich mit Studierenden ablichten lässt, die eine klare Positionierung in diesem Krieg gegen die kurdische Bevölkerung fordern.
Dennoch hoffen wir, dass unser Standpunkt und unsere eigenen Geschichten, welche unmittelbar vom Terror Erdogans betroffen sind, Herrn Dr. Heck zum Nachdenken veranlasst haben und er diese in die eigenen Reihen der CDU weiterträgt.
Wir wünschen uns, dass die Bundesregierung ihre eigenen Interessen nicht über das Leben unschuldiger Menschen stellt und sich klar gegen die antikurdische Politik der Türkei positioniert.

Stellungnahme der YXK Marburg zum Bundeswehreinsatz in Syrien, dem PKK Verbot und der aktuellen Situation in Nordkurdistan

Der Bundestag hat entschieden. Deutschland wird in den Krieg gegen den IS ziehen. 1200 Soldaten sind für den Einsatz vorhergesehen. Dafür werden in den nächsten Tagen/Wochen Aufklärungsflugzeuge für den Syrien-Einsatz in die Türkei verlegt werden.

Seit 4 Jahren sind Syrien und der Irak dem Terror des sogenannten Islamischen Staates ausgesetzt. Die dort lebenden Ethnien und Religionsgemeinschaften standen des Öfteren kurz vor einem Genozid und die BRD hat nur von ihrer sicheren und bequemen Position zugeschaut. Zudem hat man schamlos den vom Westen zum Größtenteils verursachten Krieg für die Verschärfung des Asylrechts ausgenutzt. Die fragwürdigen Waffenlieferungen die nur an die Peshmerga geliefert worden sind verdeutlichen, dass die BRD sich das Recht nimmt die dort kämpfenden Menschen in gut und böse zu kategorisieren, da gerade diese Art der BRD in die Hände spielt und dadurch das PKK-Verbot legitimiert wird. Die mit dem Verfallsdatum versehenden Waffen, die angeblich zur Bekämpfung des IS dienen sollten, halfen höchstens den Peshmerga-Einheiten sich sicher zurückzuziehen. So sollten wir nicht vergessen, dass es die PKK-Einheiten waren, die im Sommer letzten Jahres zehntausende Êzîd_innen vor einem großen Massaker bewahrten.

Die BRD erweckt den Anschein, auf die Anschläge in Europa zu reagieren. Fraglich sind hierbei die Absichten. Abgesehen davon symbolisiert diese Haltung Europas, dass die Menschen im Nahen Osten weniger Wert sind als die Menschen in Europa. Wieso sonst hätte man 4 Jahre mit einer angeblichen Hilfe warten sollen. Jetzt steht der IS kurz vor seinem Ende und die BRD spielt den großen Helden für die Weltöffentlichkeit. Der Krieg der gerade im Nahen Osten geführt wird, ist ein Stellvertreterkrieg der Großmächte, die unter anderem Mitspracherecht vor Ort für sich beanspruchen möchten, da der Nahe Osten einen wichtigen Wandel durchlebt. Durch die Geschichte des Nahen Ostens, welches auch durch Krieg, Leid und Zerstörung gekennzeichnet ist, werden somit für sie ihre Einsätze legitimiert.

Keiner dieser Akteure hat eine Lösung oder eine nachhaltige Perspektive für den Nahen Osten und für die dort lebenden Menschen, welche unmittelbar betroffen sind. Auch die Vergangenheit hat uns mehrfach gezeigt, dass durch militärische Eingriffe in Länder und Gebiete, Probleme verstärkt worden sind und neue Konflikte erst entstanden sind. Gerade vor diesem Hintergrund sollte man die baldige militärische Intervention der BRD sehen.

Der Westen hat kein Recht ihre angeblich demokratischen Lösungen aufzudrängen. Frei nach dem Motto: „Wir im Westen wissen was gut für euch ist!“ Wenn wir doch von Demokratie sprechen, dann sollte man die vorhandene Alternative der Selbstverwaltungsstrukturen Rojavas endlich sehen und anerkennen. Rojava unterstützen statt Kriegseinsätze. Genau dort im Norden Syriens schaffen es die verschiedenen multi- ethnischen und religiösen Gruppen sich aus eigener Kraft/Überzeugung und Solidarität selbst zu verwalten und dem IS erfolgreich Einhalt zu gebieten. Für die Neugestaltung eines demokratischen Syriens ist die Miteinbeziehung Rojavas hierfür unabdingbar. Zurzeit laufen hinter den Kulissen mehrere Meetings ab, die sich angeblich für die Zukunft Syriens beraten und absprechen. Das sollte ihnen aber klar sein, ohne die Einbeziehung Rojavas und den fortschrittlichen Kräften, wird es keine demokratische Lösung geben. Diese Gruppen haben über Jahrhunderte für ihre Identität, Widerstand geleistet – Rojava symbolisiert genau diesen gemeinsamen Widerstandsgeist!

Auch in der Türkei wird versucht auf der politischen Ebene die kurdische Frage zu lösen. Nachdem Wahlerfolg der HDP am 7. Juni 2015 begann der absolute Vernichtungsfeldzug gegen Kurd_innen im Osten der Türkei, die derzeit ihre Zuspitzung erreicht hat. Seit jenem Wahlabend wurden 52 mal Ausgangssperren ausgerufen, bei denen 1,3 Millionen Menschen betroffen waren. Im selben Zeitraum fand eine Verhaftungswelle gegen politische Aktivist_innen statt, hierbei wurden tausende Menschen inhaftiert und zudem wurden hunderte unschuldige Zivilist_innen vom türkischen Staatsterror ermordet. Zuletzt wurde Tahir Elci (Vorsitzender der Anwaltskammer in Amed) auf offener Straße gezielt hingerichtet, dieser hatte vor Wochen gesagt, dass die PKK keine Terrororganisation sei. Kritische Zeitungen, Redakteur_innen und Journalist_innen werden im Hand umdrehen ausgeschaltet und beseitigt – mit dieser faschistischen, terrorisierenden türkischen Regierung geht die Bundesregierung bedingungslose Bündnisse ein – alle unterdrückten Minderheiten werden hierbei komplett ausgeblendet.


NO PASARAN – NEIN ZUM BUNDESWEHREINSATZ – WEG MIT DEM PKK-VERBOT – FREIHEIT FÜR ALLE POLITISCHEN GEFANGENEN IN DER BRD – SOLIDARITÄT MIT ROJAVA – STOPP DEM TÜRKISCHEN STAATSTERROR – FREIHEIT FÜR ABDULLAH ÖCALAN

Stêrk TV berichtet von den 23. Hüseyin-Çelebi-Literaturpreisen

Stêrk TV berichtet mit einer Sondersendung von den 23. Hüseyin-Çelebi-literaturpreisen vom 17.10.2015 in Dortmund.

Sazkurs in Marburg, mittwochs um 18 Uhr

Jeden Mittwoch findet um 18 Uhr unser neuer Sazkurs statt. Wer Interesse an einer Teilnahme hat, kann sich gerne bei uns melden.

Kontakt:
e-mail: marburg@yxkonline.de
Facebook: facebook.com/yxk.marburg.7

Eure YXK Marburg

Ferînaz Xosrewanî – Stimme des Widerstandes gegen die feudale Vergewaltigungskultur

Erklärung der YXK-Jin

Die Lage in den kurdischen Gebieten spitzt sich immer mehr zu. Am 07.05 ereignete sich einmal mehr im Nordiran (Ostkurdistan) ein Vorfall, der uns alle erschüttert: Die junge Frau Ferînaz entschied sich für den Freitod und sprang aus der vierten Etage eines Hotels, um der geplanten Vergewaltigung von einem iranischen Staatsangestellten und zwei weiteren Mittätern zu entkommen.

Ferînaz ist kein Einzelfall. Ihre Stärke ist kein Einzelfall.

Ferînaz vereint zwei Feindbilder des Patriarchats in sich: Sie ist eine Kurdin und zugleich eine Frau. Damit erlebte sie, genauso wie viele weitere Frauen immer noch, die Herrschaft über Frauen und den Hass auf KurdInnen. Besonders in den iranischen Strukturen nehmen die enorm feudalen und frauenfeindlichen Haltungen eine verabscheuungswürdige Rolle ein. Deshalb sind Frauen im Iran ständigem, radikalem Sexismus ausgeliefert.

An Ferînaz wird die Grausamkeit der patriarchalen, frauenfeindlichen und herrschenden Ideologie einmal mehr deutlich. Nicht nur der Fall Özgecan Aslan, sondern auch die von den IS-Kämpfern in Gefangenschaft befindenden Frauen aus Shengal zeigen auf brutale Art und Weise, wie fest verankert die Verdinglichung der Frauen in jeglichen Gesellschaften ist.

Sexuelle Gewalt wird strategisch angewandt, um Frauen zu brechen, ihnen ihren Willen zu nehmen und ihre politischen und revolutionären Kräfte zu hemmen.

Dies ist nicht nur ein Mittel des herrschenden Systems, sondern auch das Resultat.

Ferînaz wurde ein Opfer dieser menschenfeindlichen Ideologie, auf die sie jedoch eine eigene Antwort hat: Diese starke Frau entschied sich ihr Leben zu lassen um die Macht des machthaberischen Mannes zu durchbrechen. Sie ließ die Schändung ihres Körpers und ihrer Würde nicht zu.

Ferînaz Xosrewanî verkörpert so den Widerstandsgeist der kurdischen Frau, so wie sie schon von Sehîd Beritan und Sehîd Arîn Mîrkan gezeigt wurde.

Ihr willensstarker Widerstand steckt große Teile der iranischen Bevölkerung an,die ebenfalls ein unterdrücktes Leben führen. Große Massen beschlossen gemeinsam auf der Straße zu demonstrieren um Ferînaz´ Kampf gegen das feudale, totalitäre System Irans weiter zu führen. Die Wut der Unterdrückten zeigte sich in ihrem Aufstand: Das Hotel aus dem Ferînaz sprang wurde angezündet.

Hier verbirgt sich der Kern eines sich entwickelnden Kampfes gegen nationalstaatliche, frauenfeindliche Strukturen und ihre Unterdrückungspolitik im Iran.

Der Revolutionsgeist der Frauenbewegung ist der Vorreiter des gesellschaftlichen Befreiungskampfes.

Wir als autonomer Frauenflügels des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan verurteilen diese frauenfeindliche Ideologie nicht nur aufs Äußerste, wir versuchen den Frauen, denen die Möglichkeit genommen wurde und jeden Tag genommen wird sich zu wehren, eine Stimme zu verleihen.

Deshalb verlangen wir ein Ende der männlichen Hegemonie, welches sexistisches Gedankengut und eine Vergewaltigungskultur hervorbringt. Die Selbstverständlichkeit des sexistischen Machtanspruches des Mannes muss gestoppt werden.

Wir rufen alle Menschen dazu auf, sich mit Ferînaz und weiteren kämpferischen Frauen zu solidarisieren, die für den Kampf gegen Feudalität und Sexismus ihr Leben lassen.

11.Mai 2015, YXK-Jin – Autonomer Frauenflügel des Verbandes der Studierenden aus Kurdistan – YXK

Proteste gegen iranisches Regime nachdem junge Frau in Selbstmord getrieben wurde!

Am 7. Mai kam es in der kurdischen Stadt Mahabad im Iran zu Protesten, die von der Polizei und Paramilitärs gewaltsam angegriffen wurden, sodass sie sich zu Ausschreitungen gegen das Regime steigerten – kurdische Kreise sprechen bereits von einem „Serhildan“, einem Aufstand. Das Regime hat den Ausnahmezustand über die Stadt verhängt und unterdrückt die Proteste

Ausgelöst wurden diese durch den Sprung der 25-jährigen Kurdin Ferînaz Xosrewanî aus dem vierten Stock des Hotels Tara, in dem sie arbeitete. In diesen Selbstmord wurde Ferînaz getrieben, um sich einem Geheimdienstoffizier zu entziehen, der mit der Unterstützung des Hotelbesitzers versuchte, die junge Frau zu vergewaltigen.

Ferînaz‘ Tod ist ein weiterer in einer langen Reihe von Morden des Regimes an politischen AktivistInnen und KurdInnen. Allein in der zweiten Aprilhälfte sollen 115 Gefangene hingerichtet worden sein – Hinrichtungen werden nach wie vor exekutiert und vor allem auch gegen politische Gefangene eingesetzt. Genaue Zahlen sind nicht erhältlich, da das Regime sie nicht öffentlich dokumentiert und viele Hinrichtungen vertuscht werden.

So z.B. im Fall des 22-jährigen Saman Naseem: Saman ist Mitglied der oppositionellen Partei für ein freies Leben in Kurdistan (PJAK). Als 17-jähriger wurde er bei Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften des Regimes verhaftet. Nach einem erfolterten Geständnis, das er widerrufen hat, wurde er wegen „Feindschaft gegen Gott“ und „Verdorbenheit auf Erden“ zum Tode verurteilt. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International setzen sich entschlossen für Saman ein, doch ist unklar, ob er überhaupt noch lebt…

Diese Haltung legt das Regime generell im Umgang mit oppositionellen AktivistInnen an den Tag. Der Hass gegen alle Personen und Gruppen, die sich nicht bedingungslos unterwerfen wird gewaltsam niedergeschlagen. Vor allem Frauen sind im Iran bestenfalls Bürgerinnen zweiter Klasse. Ihnen wird die gleichberechtigte Teilhabe an Gesellschaft nach wie vor verwehrt. Stattdessen herrscht eine Kultur vor, die Frauen zu Objekten erniedrigt und ihnen die Selbstbestimmung abspricht. Dass Ferînaz von einem Mann in den Selbstmord getrieben wurde, unterstreicht dies.

Den KurdInnen – nur eine der zahlreichen Identitäten im Iran – wird eine politische, soziale und ökonomische Selbstbestimmung grundsätzlich verwehrt. Dagegen organisiert sich die kurdische Bevölkerung im Iran wie im syrischen oder türkischen Teil Kurdistans auch in Räten und einer breiten Zivilgesellschaft. Das Regime antwortete auf die Proteste in Mahabad am 8. Mai mit einer Militäroperation gegen kurdische Guerillaeinheiten, die der PJAK nahestehen, bei Urmiya im Westen des Irans. Solche ständigen Angriffe gefährden den Waffenstillstand, den die Guerilla 2011 mit dem Regime geschlossen hatte.

Der Iran fühlt sich ohnehin durch ein Erstarken der kurdischen Freiheitsbewegung bedroht. In Rojava/Syrien hat die Kurdische Bewegung gemeinsam mit der Bevölkerung eine rätedemokratische Selbstverwaltung über die Grenzen von Religion, Ethnie, Geschlecht oder Nationalstaat hinweg aufgebaut und wehrt sich gegen die Angriffe des Assad-Regimes, welches massiv vom Iran unterstützt wird. Im Irak kämpft die Guerilla der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) gemeinsam mit den Einheiten der kurdischen Autonomieregion im Nordirak gegen den Islamischen Staat. Die schiitischen Milizen, die für die irakische Zentralregierung kämpfen, werden ebenfalls vom Iran ausgerüstet, ausgebildet und weitestgehend befehligt. In der Türkei führt die PKK und ihr Vorsitzender Abdullah Öcalan seit 2013 einen Dialog mit der Regierung, während die linksoppositionelle, prokurdische Demokratische Partei der Völker (HDP) bei den Parlamentswahlen am 7. Juni gute Chancen hat, ins Parlament einzuziehen. Trotz ihrer Stärke hat die Freiheitsbewegung deutlich gemacht, dass sie keinen kurdischen Staat fordert, sondern eine Anerkennung der kulturellen, politischen und ökonomischen Rechte der KurdInnen sowie eine Demokratische Autonomie in den bestehenden Nationalstaaten.

Während die KurdInnen weiterhin vom iranischen Regime unterdrückt werden, führen die fünf ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats sowie die BRD Gespräche mit ihm. Meldungen von Protesten, Hinrichtungen oder demokratischen Aufbrüchen aus dem Iran werden daher in westlichen Medien fast umsonst gesucht.

Wir protestieren gegen diese Haltung und die Politik des iranischen Regimes und fordern:
Êdî bese! Es reicht!
Stopp der Hinrichtungen im Iran!
Demokratische Autonomie für Rojhilat/Ostkurdistan!

YXK – Verband der Studierenden aus Kurdistan, 11. Mai 2015

Ideologischer Widerstand und politische Flexibilität


Analyse der YXK zu den Parlamentswahlen in der Türkei

„Es wird «Ideologischer Widerstand, politische Flexibilität» genannt. Es braucht ein Bündnis, welches politische Flexibilität beinhaltet. In einer Phase, in der sich eine demokratische Revolution in der Türkei anbahnt und wir uns auf dem Weg zu den Wahlen 2015 befinden, sollten sich aus diesem Grund alle linken, sozialistischen, revolutionären und demokratischen Kräfte […] gegen die AKP – ohne eine Krücke zur Wahl von CHP und MHP zu werden – und für demokratische Wahlen in einer Einheit verbünden.“1 erklärt Duran Kalkan (KCK-Exekutivratsmitglied und Mitbegründer der PKK) bereits im Dezember 2014. Was ist damit gemeint, wenn er Öcalan zitierend verlautbart, dass „jede Revolution eine Sache des Bündnisses“ ist?

Wir bemühen uns sicher sehr darum – es gibt Kampagnen und Hilfestellungen auch in Europa, damit die Menschen auch hier ab dem 8. Mai wählen gehen – dass die HDP ihr Ziel erreicht, weil sie aktuell eine reelle Chance darauf hat, auch im Parlament zu den Gesellschaften sprechen zu können. Mit einem Erfolg im Parlament kann die HDP mehr Aufmerksamkeit genießen und die politische Bühne im Parlament nutzen, sie kann auf Missstände hinweisen und echte Oppositionsarbeit leisten. Doch weder die politische Bühne, noch der politische Erfolg beschränken sich auf das Parlament. Das ist nur ein Teil des Ganzen, nur die „politische Flexibilität“, wie sie Kalkan nennt. Spulen wir nur ein wenig in der Zeit zurück und gehen wir zur Erklärung Öcalans zum Newrozfest vor zwei Jahren.

„Eine Tür öffnet sich von der Phase des bewaffneten Widerstands zur Phase der demokratischen Politik“,heißt es in seiner Erklärung und es folgt: „Die Waffen sollen endlich schweigen, Gedanken und Politik sollen sprechen.“2 Dieser Erklärung und einer darauf folgenden zweijährigen und vor allem einseitigen Initiative der Kurdischen Freiheitsbewegung folgt ein weiterer Schritt Öcalans, der nur mit den folgenden Erläuterungen im Kontext der Entwicklungen der letzten beiden Jahre zu verstehen ist. Was ist passiert?

Die im Jahr 2012 gegründete HDP (Demokratische Partei der Völker) wird zum ersten Mal als Partei antreten. Sie ging aus dem HDK (Demokratischer Kongress der Völker), einer Plattform verschiedener zivilgesellschaftlicher Organisationen in der Türkei hervor. Sie spiegelt die Vorstellung Öcalans von einem demokratischen, gemeinsamen Kampf wider. Diese Perspektive des gemeinsamen Kampfes der kurdischen Bewegung und der sozialistischen, demokratischen und progressiven Kräfte in der Türkei war von Anfang an Teil der Strategie der PKK. Rıza Altun (Mitbegründer der PKK) drückt diese Tatsache mit den Worten „die HDP ist die Gründungsideologie der PKK“3 aus. Die kurdische Bewegung mobilisiert ihre gesamte Basis um die antidemokratische 10%-Hürde zu überwinden. Wie sind diese Parlamentswahl und der Antritt der HDP zu beurteilen und welche Bedeutung haben sie im Zuge der vergangenen Entwicklungen seit Öcalans historischer Erklärung zum Newrozfest im Jahr 2013? Geht es darum, den Vormarsch der AKP aufzuhalten und selbst Teil dieses parlamentarischen Spiels zu werden? Denn die Unterredung (Parlament, franz. parler zu deutsch „sprechen“, „reden“) wird keine Fakten schaffen, den Konflikt nicht lösen oder einen gesellschaftlichen Wandel in der Türkei hervorbringen. Es sind die Schritte in der Basis, die die kurdische Bewegung in Nordkurdistan geleistet hat und noch leistet, die einen echten Wandel hervorbringen; dabei steht das Parlament und der parlamentarische Erfolg diesen Errungenschaften bloß als Sprachrohr nach.

Die Gründung der HDP und das Erstarken einer demokratischen Front in der Türkei ist unweigerlich auf den von Abdullah Öcalan initiierten Prozess zurückzuführen. Öcalan und die Kurdische Freiheitsbewegung definieren den sogenannten Friedensprozess als „Prozess der demokratischen Befreiung und des Aufbaus eines freien Lebens“. Die eigentlichen Gesprächspartner in diesem „Prozess“ sind die Gesellschaften in der Türkei und in Kurdistan. So wurde dies schon in einer Deklaration des KCK-Exekutivrats vor genau einem Jahr formuliert.4

Die AKP hat den Ernst der Lage erkannt, das zeigen die jüngsten militärischen und verbalen Provokationen. Das gesellschaftliche Klima und die Freiräume, die durch den von Öcalan initiierten Waffenstillstand geschaffen worden sind, haben bewirkt, dass sich eine Opposition zur herrschenden Klasse gebildet hat. Statt täglich von Märtyrern aus Sicht beider Seiten zu berichten und der Gesellschaft den Atem zu nehmen, wird jeder Tag zur Verkündung demokratischer Bündnisse genutzt. Einen ersten Vorgeschmack boten uns bereits die Gezi-Proteste. Die Antwort der AKP-Regierung auf diese Entwicklungen waren die Verschärfung oder gar die Aufhebung des Versammlungs- und Demonstrationsrechts. In dem 130 Gesetze umfassenden Paket der AKP, welches sie mit ihrer Mehrheit im Parlament regelrecht durchboxte, werden u.a. DemonstrantInnen zu fünf Jahren Haft verurteilt, wenn sie ihr Gesicht auch nur teilweise mit einem Schal bedecken. Er schickt junge Menschen, seine Mehmedciks wohlwissend in den sicheren Tod nach Agri. Was kann mensch also von solch einem Staat erwarten? Wir vergessen weder die Morde von Paris, noch das Massaker von Roboski und die Toten von Gezi und auch nicht die vielen Jugendlichen, die Anfang Oktober 2014 bei Soli-Protesten für Kobanê vom Staat und seinen Handlangern ermordet worden sind.

Wieso beschäftigen wir uns aber so sehr mit dem Staat und seinen Institutionen?

Das Paradigma des Demokratischen Konföderalismus sieht eine alternativ organisierte Gesellschaft, jenseits von Staat und Macht, vor. Sie organisiert sich in Form von Räten und Netzwerken auf Grundlage geschlechterbefreiter, ökologischer und allem voran radikal-demokratischer Prinzipien selbst. Das Paradigma berücksichtigt aber die gegenwärtige und reale Vorherrschaft des Systems von Nationalstaaten, welches sich nicht von heute auf morgen durch eine gewaltsame Umwälzung – worunter fälschlicherweise oft Revolution verstanden wird – aufheben lässt. Denn Nationalstaaten bilden nur eine Facette der Kapitalistischen Moderne, die so ziemlich alle Lebensräume und -wirklichkeiten durchdringt. „Unsere Formel lautet: »Staat plus Demokratie« – mit dem Ziel, den Staat zu verkleinern und die demokratische Gesellschaft auszuweiten.“ heißt es in dem Interview mit Duran Kalkan.

Die Zielrichtung ist also klar, nun folgt die Praxis. Das Staatsgebilde, welches wir momentan mit der AKP identifizieren, wird sich also auf kurz oder lang dem Willen der demokratischen Gesellschaften beugen. HDK und HDP, DTK (Kongress der Demokratischen Gesellschaft) und DBP (Partei der Demokratischen Regionen) sind gerade Ausdruck der Organisierung dieser Gesellschaften.

Wie lange noch bis zur Revolution?

Wie aus der obigen Schilderung und Öcalans Vorstellung von Revolution zu entnehmen ist, ist die Rückgewinnung der Räume durch die ethisch-politische Gesellschaft die eigentliche Revolution. Denn sie wurde über fünftausend Jahre durch die Hegemonie der zentralen Zivilisation, deren Höhepunkt die vierhundert Jahre alte Kapitalistische Moderne ist, zurückgedrängt und kleingehalten. Aus dieser Perspektive ist es offensichtlich, dass eine Reversion der Unterdrückung nicht so schnell von statten gehen wird wie das Zurückdrängen des IS aus Rojava. Der Unterschied besteht in der Art der Kämpfe, denn der eigentliche Kampf ist derjenige um die noch undemokratischen Geisteshaltungen und nicht der militärische Kampf, der hier und da zu Landgewinn führen kann. Ein gutes Beispiel ist die erfolgreiche Vereinnahmung Südkurdistans durch die imperialen Mächte. Diese konnten ihr neo-kolonialistisches Modell zum großen Teil erfolgreich mit der herrschenden Klasse Südkurdistans durchsetzen und sie in das kapitalistische Weltsystem integrieren. „Und sicher wäre es uns genauso ergangen wie KDP und PUK, wären der Paradigmenwechsel nicht vollzogen worden“, erklärte Xebat Andok (Mitglied des PKK-Zentralkomitees) in einem Artikel (komunar.net). „Denn ein Kampf für Nationalstaatlichkeit ist ein Kampf für den Kapitalismus“5, so Andok.

Die Bedeutung der Revolution in Rojava

Die Bedeutung der Revolution in Rojava wurde bereits in zahlreichen Artikeln behandelt, in Vorträgen präsentiert. Fokussieren wir uns auf die Auswirkungen des Demokratischen Experimentes, welches gerade durch die Angriffe des menschenverachtenden Islamischen Staates (IS) Aufmerksamkeit auch in Europa gefunden hat. Es ist aber nicht zu vergessen, dass der IS mit der Munition des Westens sowohl Menschenleben als auch kulturelles Erbe auslöscht. Dieser Auslöschung konnten YPG/ YPJ und eine organisierte Kurdische Bewegung Einhalt gebieten. Wie sehr dabei die internationale Koalition und erst wodurch und mit welcher Motivation da mitgewirkt hat, dürfte auch soweit klar sein. Jedenfalls haben die Kämpferinnen und Kämpfer von YPG/ YPJ, HPG (PKK), YBS und solidarische Revolutionäre – insbesondere aus der Türkei – einen historischen Widerstand geleistet.

Die Menschen in Europa haben die Kämpfe relativ direkt mitverfolgen können, wenn auch teilweise verfälscht. Dabei wurden immer wieder die Kämpferinnen der YPJ zu Amazonen hochstilisiert. Natürlich geht es bei der Revolution in Rojava in erster Linie um die Befreiung der Frau – genauso in der Ideologie der Kurdischen Bewegung insgesamt. Es ist also nicht das Bild der Frau mit dem Gewehr in der Hand, welches zu Befreiung der Frau in einer patriarchalen Gesellschaft führt, sondern die selbstbewusste, politische Frau, die ihren Platz sowohl in der Kurdischen Bewegung als auch in der Gesellschaft einnimmt. Die Dekonstruktion einer männlichen Gewalt durch die Bewaffnung der Frau vollzieht sich im Kopf des feudalen Mannes, der nicht länger die Frau als seine Kolonie wird halten können.

Eine solche Frau bedroht das patriarchale System, auf dem sowohl der Kapitalismus als auch der im Kapitalismus inbegriffene islamische Konservatismus der AKP fußen. Die Universalität des Kampfes um die Befreiung der Gesellschaften hin zur Etablierung der Demokratischen Moderne treibt die kapitalistisch-imperialen Mächte und insbesondere die AKP an den Rand ihrer Handlungsmöglichkeiten. In ihrer Verzweiflung unterstützt die türkische Regierung – wie selbstzerstörerisch – den IS. Sie stellt, wie sie es bereits bei der Al-Nusra vollzogen hat, medizinische, logistische und militärische Unterstützung für die Islamisten bereit. All das bloß, um den legitimen Kampf für mehr Demokratie und Freiheit in der Türkei, in Kurdistan und im gesamten Mittleren- und Nahen Osten zu behindern. Egal wie sie sich inszeniert, sie wird immer mehr verdrängt.

Die Philosophie, dass „Die Befreiung der Frau die Freiheit der Gesellschaft [ist]“ drückt sich auch im „Prozess der demokratischen Befreiung und des Aufbaus eines freien Lebens“ in der Türkei und in Nordkurdistan aus. Es geht schon lange nicht mehr nur um die Wahrung der bloßen, physischen Existenz der kurdischen Gesellschaft, die durch den Faschismus und die Politik des kulturellen Genozids durch den türkischen Staat bedroht wurde und immer noch wird, sondern um einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel – um eine soziale Revolution. Die Kernvorstellungen der Freiheitsbewegung zum Prozess hat Öcalan erneut in einem 10-Punkte-Plan zusammengefasst, bei dem sich selbst liberale JournalistInnen in der Türkei fragen, was der Zusammenhang zwischen der Lösung der Kurdischen Frage und der Befreiung der Frau sei.

Özgecan Aslan ist die Antwort.

Yekitiya Xwendekarên Kurdistan, 8. Mai

Aufruf der YXK zum 1. Mai: Arbeiter*Innen aller Länder, vereinigt euch!

Erklärung der YXK zum 1. Mai – Arbeiter*Innen aller Länder, vereinigt euch! (Flugblatt zum Verteilen im Anhang)

Der erste Mai ist der internationale Kampftag der Arbeiter*Innenklasse und geht zurück auf mehrtägige Streiks von Arbeiter*Innen in den USA (1886), die sich für die Durchsetzung einer gerechten Arbeitszeit einsetzten. Sie erkämpften sich die Abschaffung der täglichen Arbeitszeit von zwölf Stunden und forderten diese auf acht Stunden zu reduzieren. Bei dem Protest für menschenwürdige Arbeitsbedingungen sind zahlreiche Menschen erschossen worden.

„Man kann nicht ewig wie ein Stück Vieh leben!“ (August Spies)

Die internationale Arbeiter*Innenbewegung vereint das Bewusstsein, zur politisch unterdrückten und kapitalistisch ausgebeuteten sozialen Klasse zu gehören. Weltweit werden Arbeiter*Innen in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung ausgebeutet, entrechtet und unterdrückt. Es sind die Grundprinzipien der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, die für die hohe Armutslage von Menschen in allen Teilen dieser Welt verantwortlich sind. Ein Wirtschaftssystem, das auf Profitmaximierung und Konkurrenz aufgebaut ist, um selbst überleben zu können, ist der Grundbaustein von Armut und zahlreichen Kriegen, die insbesondere diejenigen Menschen treffen, die nicht zur „abendländischen“ Kultur gehören. Erst kürzlich sind erneut zahlreiche Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken, da das westlich-kapitalistische System in ihren Heimatländern Zerstörung, Gewalt, Krieg, Armut und Ausbeutung verursacht hat. Diese Menschen, die auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben sind, sind der europäischen Abschottungspolitik zum Opfer gefallen. Schätzungen zufolge ermordete Europa allein im Jahr 2015 1720 Flüchtlinge an ihren Grenzen. Die rigiden Kontrollen und Gewaltanwendungen an Flüchtlingen, an den europäischen Außengrenzen aber auch innerhalb bundesdeutscher Grenzen, sind ein Produkt des Kapitalismus, das geflüchtete Menschen auf ihre ökonomische Verwertbarkeit beschränkt. Doch Menschen sind kein Humankapital!

Kapitalismus überwinden – Alternative aufbauen!

Der Kapitalismus zeigt überall auf der Welt immer dreister sein wahres Gesicht. Phänomene, die der kapitalistischen Moderne inne wohnen, wie Krieg und Krise, Ausbeutung und Unterdrückung, Zerstörung sozialer Sicherungssysteme und der Umwelt, faschistische und rassistische Mobilmachung, machen sich immer wieder bemerkbar.

Auch die Menschen in der BRD bekommen die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich zu spüren. Wir schauen einer unsicheren Zukunft entgegen: das Renteneintrittsalter wird angehoben, Leistungskürzungen werden weiterhin vorangetrieben, Privatisierungen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse nehmen zu.

Das kapitalistische System festigt seine Herrschaft vorrangig über die Macht auf unser Bewusstsein. Während die Kluft zwischen den Reichen und Armen innerhalb der westlichen Zivilisation wächst und die kapitalistische Profitgier auf der ganzen Welt zu Kriegen, sozialen Krisen, Hunger, Armut und die Vernichtung natürlicher Lebensquellen führt, scheinen die Menschen in Europa, blind und taub gestellt, zufrieden mit ihrer Lage zu sein. Grund dafür ist, dass die Gesellschaft ihrer ethischen Werte und ihres politischen Bewusstseins beraubt wurde. Durch einen Individualismus, der jegliche gesellschaftliche Verantwortung ablehnt – das Gegenteil einer freiheitlichen Individualität – werden die Menschen daran gewöhnt, ihre Herzen dem Leid ihrer Mitmenschen und allen ausgebeuteten Lebewesen zu verschließen.

Als die kurdische Bewegung aus der Studierendenbewegung zu einer Arbeiter*Innenbewegung heranwuchs, organisierte sie in der Türkei Arbeiter*Innen in Gewerkschaften zum Widerstand und prägte die Protestaktionen am 1. Mai maßgeblich. Dabei organisierte sie in den vom türkischen Staat bewusst vernachlässigten Teilen Nordkurdistans ein alternatives und nachhaltiges Gesellschaftsmodell (demokratische Moderne), welches sich heute in Rojava als Alternative zur kapitalistischen Moderne durchgesetzt hat.

In Rojava gestaltet sich das Leben nach dem Prinzip „Je mehr Gesellschaft, desto weniger Staat“. Nach dem Modell des Demokratischen Konföderalismus wurden Strukturen der Selbstorganisierung der Bevölkerung in Kommunen aufgebaut. Dabei wird jede Bevölkerungsgruppe in Räten organisiert und von einer geschlechterquotierten Doppelspitze vertreten. Ein weiteres wichtiges Merkmal des Rojava Modells ist das alternative Wirtschaften, welche auch als kollektive, kommunale und ökonomische Modelle bezeichnet werden. Dabei wird der Aufbau von Kooperativen gefördert, um eine Ökonomie zum Dienste der Bevölkerung und nicht zur maßlosen Profitmaximierung zu ermöglichen. Die Revolution in Rojava beruht auf der Überwindung des Kapitalismus und stellt eine Alternative zur kapitalistischen Moderne dar! Es ist der Beginn eines freien Lebens, fernab der kapitalistischen Gesellschaftsordnung!

Auch in Nordkurdistan schreitet der Aufbau der demokratischen Autonomie voran. Während der türkische Staat in eine Dialogphase hineingezwungen wurde und die Waffen zum Teil bis heute geschwiegen haben, konnte die Gesellschaft in der Phase ihre alternativen Projekte festigen und neue erschaffen. Staatliche Einflüsse werden dadurch immer schwächer. Auch in Nordkurdistan wird der Kapitalismus und seine Nationalstaatlichkeit überwunden werden!

Als YXK – Verband der Studierenden aus Kurdistan beschlossen wir innerhalb unseres Zwischenkongress auf der Grundlage unserer Diskussionen und der Perspektive, welche wir entwickelt haben, frei nach dem Zitat des kurdischen Volksrepräsentanten Abdullah Öcalan „Denn auf den Sozialismus zu bestehen bedeutet auf das Menschsein zu bestehen“ unsere Arbeiten und die anstehende Phase fortzuführen. Das Beharren und der Glaube an die Menschlichkeit ist es, welches unsere Genoss*Innen in Kobanê, Shengal und allen Teilen Kurdistans die Kraft gibt, gegen jegliche Unterdrückung Widerstand zu leisten und Erfolg zu haben. Das Paradigma, der demokratischen, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft der kurdischen Freiheitsbewegung ist gegen alle Versuche der kapitalistischen Moderne dennoch das Beharren auf eine demokratische, sozialistische Gesellschaft. Es ist der Aufbau eines alternativen Lebens!

Wir, die YXK – Verband der Studierenden aus Kurdistan rufen deshalb dazu auf, am 1. Mai gegen die kapitalistische Moderne und für eine demokratische, ökologische und geschlechterbefreite Gesellschaft zu demonstrieren. Wir rufen dazu auf, sich in den Städten, in denen Rechte und Neofaschist*Innen ihre rassistischen und hetzerischen Parolen verbreiten wollen, ihnen in den Weg zu stellen! Es gilt der rassistischen und sozialchauvinistischen Hetze unsere internationale Solidarität entgegenzusetzen!

Es lebe der Kampf der Freiheitskämpfer*Innen auf der Welt! Es lebe die Revolution in Rojava!

Es lebe der 1. Mai – Bijî Yek Gulan!

P.S. Im Anhang ist ein Flugblatt, der auf diversen Veranstaltungen verteilt werden kann. Er ist ein gemeinsamer Flugblatt der Interventionistischen Linken-IL und der YXK zusammen und greift die Kundigüng des Kontos der Initiative „Solidarität mit Rojava“ durch die Sparkasse Saarbrücken

Erklärung der YXK zum 100. Jahrestag des Beginns des armenischen Genozids:

Aghet – Die Verleugnung bleibt ein Verbrechen

Es ist 100 Jahre her, seitdem der Völkermord an den ArmenierInnen durch das Osmanische Reiche begann. Dieser Schmerz ist unter den ArmenierInnen zu einem Teil der armenischen Identität geworden. Auch heute wird vom „Aghet“ (Katastrophe) gesprochen. Aghet stellt einen tiefschwarzen Fleck in der Geschichte der Völker des Mittleren Ostens dar, der bis heute seitens des türkischen und des deutschen Staates verleugnet wird. Das erste Genozid am Anfang des 20. Jahrhunderts sorgt noch immer für viele Diskussionen zwischen den ArmenierInnen, HistorikerInnen und der türkischen Regierung – die Fakten sprechen allerdings für sich.

Die Jungtürken wollten ab Anfang 1900 durch eine Oppositions-bewegung das Osmanische Reich zu einem Nationalstaat unter türkischer Führung reformieren. Während des Ersten Weltkriegs (1914 – 1918) wurde das Massaker an den ArmenierInnen vollzogen. Die Deportation entpuppt sich als geplanter Todesmarsch. Die Reise Richtung Aleppo forderte mehr als 1,5 Millionen ArmenierInnen das Leben, die aufgrund von Hunger, Seuchen und Angriffen durch osmanische Soldaten zu Grunde gingen. Überlebende Männer wurden einfach erschossen. Frauen wurden vergewaltigt und anschließend umgebracht. Diese Sachen ereigneten sich während des Vorrückens der russischen Truppen auf dem Territorium des Osmanischen Reiches, was als Vorwand der Jungtürken für diese Gräueltaten verwendet wurde – ArmenierInnen hätten wohl russische Truppen unterstützt.

Hundert Jahre und kein bisschen Eingeständnis

Selbst heute noch vermitteln türkischen Schulbücher den SchülerInnen, dass ArmenierInnen in Anatolien TürkInnen massakriert hätten. Durch diese Illusion wird die türkische Bevölkerung in die Opferrolle gedrängt. Als ob das nicht reiche wird Beispieslsweise in Istanbul eine Grundschule nach Talat Pascha benannt. Talat Pascha war der Innenminister des Osmanischen Reiches. Als Führer der Jungtürken war er einer der Leitfiguren im armenischen Genozid. Dafür wird er, wie viele andere auch, heute noch staatlich geehrt.

Die Führer der Jungtürken hatten Verbündete, die ihnen bei der Massenvernichtung halfen. Für dieses Massaker wurden spezielle Mordbanden zusammengestellt, die unter anderem auch aus Angehörigen kurdischer Stämme bestanden (sog. Hamidiye Regimente). Einige kurdische Stammesherren erhofften sich durch die Vertreibung und Vernichtung ihre armenischen Nachbarn mehr Reichtum. Auch die Rolle des Deutschen Reiches beim armenischen Genozid war nicht zu unterschätzen. Das Osmanische und Deutsche Reich waren in einer Kriegsallianz.

Während des Genozides befanden sich viele deutsche Soldaten im Osmanischen Reich und wurden Augenzeugen dieser Gräueltaten. Das deutsche Kaiserreich wusste gut über die Geschehnisse im Osmanischen Reich bescheid. „Wer redet heute noch von der Ausrottung der Armenier?“, fragte Adolf Hitler kurz vor dem Einmarsch in Polen. Dies zeigt uns, dass der armenische Genozid schon damals weitgehend bekannt war, und fanatischen Nationalisten wie Hitler auch als Vorbild diente. Den meisten Menschen ist jedoch nicht bewusst, dass sich viele deutsche Soldaten an diesem Genozid direkt oder indirekt beteiligt haben. Beispielsweise stammen die Deportationspläne von Colmar Freiherr von der Goltz, der ab 1883 als Militärausbilder und Organisator im Osmanischen Reich tätig war. Er hatte sogar den Spitznamen „Goltz – Pascha“. Trotz dessen setzt sich die Bundesrepublik nicht mit ihrer Rolle im armenischen Genozid auseinander. Die Debatte um die Bezeichnung des „Genozides“ als solches zeigt, dass es heute wie damals, starke Kräfte im deutschen Staat gibt, die sich mit der nationalistischen Doktrin des türkischen Staates verbunden fühlen.

Auch der türkische Staat hat sich bis heute, mit Rückendeckung aus dem Westen, nicht mit seiner dunklen Vergangenheit auseinandergesetzt. Jegliche Diskussionen über den Völkermord werden unterbunden, beschimpft und sogar mit Gewalt verhindert. 1,5 Millionen ArmenierInnen, die ihr Leben verloren haben, reicht Erdogan nicht aus, um diesen Völkermord anzuerkennen. Wer dennoch darüber spricht wird sogar gesetzlich wegen Volksverhetzung verfolgt.

Genozide zeigen uns, welche ausbeuterischen und unmenschlichen Züge faschistischen Ideologien annehmen. Gerade der an ArmenierInnen ist eines der brutalsten die bisher in der Geschichte geschehen sind. Die Angst der türkischen Führer, dass die ArmenierInnen den Feind, Russland unterstützen könnten, war Anlass genug um die erste Massenvernichtung des 20. Jh. durchzuführen. Zum Erhalt des Osmanischen Reiches sei dies notwendig gewesen. Durch ein gemeinsames Feindbild um die „türkische“ Identität sollte das Osmanische Reich aufrecht erhalten und damit die „Einheit des Volkes“ geschützt werden. Im Bild der Jungtürken, die eine homogene Masse anstrebten, fanden andere Ethnien keinen Platz.

Das Osmanische Reich hat nicht überlebt. Der türkische Staat wurde jedoch auf dem selben Feindbild und der selben faschistoiden Ideologie aufgebaut. Somit ist der „moderne“ türkische Nationalstaat zu einem erheblichen Teil Ergebnis einer genozidial verlaufenden Gründung. Diese faschistische Ideologie wiederholte sich in der Geschichte der Türkei und spiegelt sich noch immer in der nahen Vergangenheit und der Gegenwart, beispielsweise an den Massakern an AlevitInnen und KurdInnen – Dersim, Kocgiri, Maras und Sivas – wieder. Der Grund, warum der türkische Staat sich weigert, den Genozid anzuerkennen liegt also darin, weil dann seine Fundamente erschüttert werden. Die „türkische Identität“, die seit 100 Jahren in Schulen und Universitäten hochgeprießen wird, würde sich als eine enttarnen, die auf Mord und Assimilation aufbaut.

Dieses nationalistische Gedankengut hat sich auf subtile Weise größtenteils bis zur heutigen Zeit fest erhalten. Es verhindert jegliche Aufklärung oder Solidarität und kann nur umgestoßen werden, wenn die Geschichte aufgeholt und das Leid aller Völker der Region anerkannt wird. Menschen, die sich dennoch damit auseinandersetzen werden verfolgt und sogar getötet – Hrant Dink.

Deshalb fordern wir: Die Kultur der Verleugnung muss gestoppt werden. Kein Volk soll unter der Machtlogik von Staaten und dessen stumpfem Nationalismus leiden. Kein Mensch verdient den Tod auf Grund seiner ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Verbrechen ist Verbrechen und Verbrechen zu relativieren ist wieder ein Verbrechen. Nur die Anerkennung der Schuld kann dem Nationalismus ein Ende bereiten. Nur so schaffen wir eine Voraussetzung für ein demokratisches Miteinander. Denn die Auseinandersetzung mit der blutigen Vergangenheit bedeutet gleichzeitig die nationalistische Identität, die sich gegen jegliche Minderheiten richtet, zu verwerfen.

Unsere Aufgabe soll es sein, den armenischen Genozid nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Faschismus und Nationalismus findet in unserem Weltbild keinen Platz.

Wir werden Aghet nicht vergessen. Hoch die Internationale Solidarität.

YXK – Verband der Studierenden aus Kurdistan e.V., 21. April 2015

23.04.2015: Vortrag „Die Geschichte der KurdInnen in Deutschland“

Wann kamen die ersten KurdInnen nach Deutschland und was waren ihre Gründe?

Zekî Özmen wird am 23.04.2015 einen Vortrag über die Geschichte der KurdInnen in Deutschland halten. Hierzu wird er anhand wichtiger Ereignisse, von dem Zuzug der Gastarbeiter über die politischen Flucht der 90er Jahre bis zur Familienzusammenführung in der Gegenwart, die Einwanderung der KurdInnen in Deutschland thematisieren.

Daneben wird er aufzeigen welchen Einfluss kurdische Exilmusiker an der Weiterentwicklung der kurdischen Musik haben und verschiedene kurdische Institute in Deutschland die kurdische Gesellschaft in Deutschland und Kurdistan beeinflussen. Des Weiteren wird er auf die Bildung innerhalb der kurdischen Gesellschaft in Deutschland eingehen, welche immer stärker an Einfluss gewinnt.

Für alle die, sich in die Thematik vertiefen wollen sei hier noch einmal auf sein 2010 auf Kurdisch erschienen Buch „Kurdên Almanyayê“ hingewiesen, an welchem sich der Vortrag orientieren wird.

Datum:23.04.2015
Uhrzeit: 20:00 Uhr
Ort: Hörsaal +1/0030, Hörsaalgebäude, Biegenstraße 14, Marburg

YXK MarburgVerband der Studierenden aus Kurdistan e.V. (YXK)