Archiv für Februar 2013

Offener Brief an die Bundeskanzlerin Angela Merkel

Sehr geehrte Bundeskanzlerin Dr. Merkel,

in Kürze besuchen Sie die Türkei und kommen mit Ihrem türkischen Amtskollegen Recep Tayip Erdoğan zu Gesprächen zusammen. Wir sind ein in Deutschland, u.a. von türkisch- und kurdischstämmigen Deutschen, gegründeter überethnischer, interreligiöser und vielsprachiger Zusammenschluss von Organisationen. Unter dem Namen „Demokratische Gemeinschafts-Plattform“ haben wir eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, die sich insbesondere bei Fragen rund um Themen wie Integration, Migration und die Türkei positioniert. Anlässlich Ihres Besuches möchten wir unsere Gedanken bezüglich der in der Türkei vorherrschenden Probleme ausdrücken, deren Auswirkungen auch Deutschland betreffen. Wir möchten Ihnen gegenüber als Bundeskanzlerin unsere Erwartungen diesbezüglich formulieren.

Ihr Staatsbesuch findet in einer Zeit statt, in der Ihr Amtskollege Erdoğan mit seiner Partei AKP seit über 10 Jahren die Regierung in Ankara führt. Obwohl zu Beginn der AKP-Ära demokratische Reformen und friedliche Lösungen für die virulenten Probleme in der Türkei angekündigt wurden, hat es die türkische Regierung trotz dieser über 10-jährigen Legislatur leider nicht geschafft, die ernsthaften Probleme mit rechtstaatlichen Mitteln zu lösen. Im Gegenteil: Durch die einseitige Politik wurden die Gräben zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen mehr denn je vertieft.

Die Türkei ist heute das Land auf der Welt, in dem die meisten Journalisten und Journalistinnen inhaftiert sind. Da es keine Meinungs-, Vereinigungs- und Versammlungsfreiheit gibt, sitzen nicht nur Journalisten und Journalistinnen in Haft, sondern auch Juristen und Juristinnen, Abgeordnete, Bürgermeister und Bürgermeisterinnen sowie viele andere Bürger und Bürgerinnen, von denen die überwiegende Mehrheit Kurden und Kurdinnen sind. Insgesamt befinden sich über 10.000 Menschen aufgrund ihrer Überzeugungen in türkischen Gefängnissen. Die AKP Regierung toleriert keine Vielfalt in der Türkei, weder eine politische, noch eine religiöse, noch eine ethnische oder kulturelle. So hat sie es binnen ihrer Regierungszeit geschafft, die Türkei in ein großes Gefängnis zu verwandeln.

Die Aleviten und Alevitinnen, die weithin als Motorkraft der Demokratie in der Türkei bekannt sind, werden in der freien Auslebung ihres Glaubens behindert. Während in Deutschland die alevitische Gemeinde als Religionsgemeinschaft anerkannt ist und wie z.B. in Hamburg Cem-Häuser als Glaubensstätten gleichwertigen Schutz wie Kirchen und Synagogen genießen, forciert die AKP die Assimilation der Aleviten in ihr System, das auf einer Synthese von Türkentum und Islam beruht. Es ist uns aus keinem anderen Land der Welt bekannt, dass Gläubige für den Besuch ihrer Glaubensstätten Eintritt bezahlen müssen. Jedoch müssen Aleviten beispielsweise bei Wallfahrten zur Stätte des alevitischen Heiligen Hünkâr Bektaş-i Veli in Nevşehir Eintritt bezahlen. Alevitische Kinder werden, trotz anderslautender Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte, noch immer zu sunnitischem Pflichtreligionsunterricht gezwungen. In einer gleichen Lage befinden sich christliche und ezidische Minderheiten in der Türkei. Die Morde an christlichen Missionaren oder die Ermordung des armenischen Journalisten Hrant Dink sowie des katholischen Priester Andrea Santaro stellen keine Taten von verwirrten Einzeltätern dar. Der zögerliche Umgang der türkischen Justiz in der Aufklärung und die Verschleppung der Aufarbeitung sowie der Aufdeckung der Hintermänner, die bis in den Staatsapparat reichen, legen die antidemokratische Haltung der AKP-Regierung offen.
Auch viele Verbote im Film-, Theater- und Literaturbereich werden weiterhin aufrechterhalten. Einige Veröffentlichungen von Dichtern und Denkern werden offen zensiert.

Die Rechte der Gewerkschaften, der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen werden systematisch beschränkt. Arbeitsschutz ist kaum vorhanden. Aufgrund dessen verlieren durchschnittlich ca. 1.000 Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen jedes Jahr durch Betriebs- und Arbeitsunfälle ihr Leben.

In der Kurdenfrage gibt es noch immer keine politische Lösung, die geeignet ist, den anhaltenden Krieg im eigenen Land zu beenden. Aufgrund der andauernden Militär- und Polizeieinsätze seitens der türkischen Regierung haben alleine im Sommer 2012 mehr als 1.000 Menschen durch den Krieg ihr Leben verloren. Die AKP-Regierung, die zunächst die Einsicht äußerte, dass in dieser Sache durch Gewalt keine Lösung möglich
sei, eskalierte die Situation weiter. Im November 2012 wurden auf den persönlichen Wunsch des türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan hin, erneut Gespräche mit dem auf der Insel İmralı inhaftierten Vorsitzenden der PKK, Herrn Abdullah Öcalan, aufgenommen. Aber auch diese historische Chance wurde bislang nicht genutzt: Die Gespräche, die vermeintlich zur friedlichen Lösung der kurdischen Frage beitragen sollen, haben nicht zu konkreten Schritten der türkischen Regierung geführt. Zum wiederholten Male enttäuscht die AKP-Regierung türkische und kurdische Erwartungen, da weiterhin täglich Dutzende von Menschen verhaftete werden, die sich zivilpolitisch und gesellschaftlich engagieren. Auch die Militäroperationen und Bombardierungen der türkischen Armee auf türkischem und irakischem Staatsgebiet halten unvermindert an.

Parallel zu diesen Entwicklungen wurden am 9. Januar 2013 in der französischen Hauptstadt Paris die drei bekannten kurdischen Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Doğan und Leyla Şaylemez ermordet. Bisherige Ermittlungen deuten darauf hin, dass die Hintermänner dieser Morde dem MIT bzw. dem türkischen Zweig der paramilitärischen Geheimorganisation „Gladio“ angehören. Trotz erdrückender Indizien, zeigt die türkische AKP-Regierung keinerlei Interesse an der Aufklärung dieser Morde. Im Anschluss an die Morde in Paris, drohte der türkische Ministerpräsident Erdoğan im türkischen Fernsehen offen damit, dass Ähnliches auch in Deutschland passieren könne. Gleichzeitig kritisierte er, dass Deutschland und andere europäische Länder die hier lebenden Kurden und Aleviten unterstützen würden, ungeachtet der Tatsache, dass diese Unterstützung lediglich die Wahrnehmung der selbstverständlichen und unteilbaren Bürgerrechte darstellt. Leider ist jedoch zu beobachten, dass aufgrund der unzutreffenden Anschuldigungen des türkischen Ministerpräsidenten der Druck auf kurdische Politiker und Politikerinnen in Frankreich und Deutschland zugenommen hat.

Nach alledem wünschen wir uns von Ihnen, Frau Bundeskanzlerin:

Solange die kriegerischen Auseinandersetzungen in der Türkei nicht beendet sind und Freiheits- sowie Menschenrechte in der Türkei nicht geachtet werden, sollte die Bundesrepublik Deutschland ihre militärische und ökonomische Unterstützung für die Türkei einstellen und die Zusammenarbeit mit der türkischen Regierung überdenken. Wir bitten Sie, dass Sie die oben geschilderten Umstände in Ihren öffentlichen Auftritten und bei Ihren Gesprächen in der Türkei zur Sprache bringen. Schließlich fordern wir ein Ende der Kriminalisierung von Kurden und Kurdinnen, die aufgrund des Krieges, der kulturellen und politischen Verfolgung nach Deutschland geflohenen sind.
In diesem Sinne wünschen wir Ihnen einen erfolgreichen Staatsbesuch. Zugleich hoffen wir, als unterzeichnende Organisationen, insbesondere auf einen konstruktiven Dialog der Bundesregierung mit der hier in Deutschland lebenden kurdischen und alevitischen Bevölkerung sowie mit den demokratischen Organisationen, die die Interessen dieser Bevölkerungsgruppen vertreten.

Mit freundlichen Grüßen

Unterzeichner:
Demokratische Gemeinschafts-Plattform: „AABF (Alevitische Gemeinde Deutschland); YEK-KOM (Föderation kurdischer Vereine in Deutschland); TÜDAY (Menschenrechtsverein Türkei/Deutschland); ATİF (Föderation der Arbeiter aus der Türkei in Deutschland); AGİF (Föderation der ArbeitsimmigrantInnen in Deutschland); ADHF (Föderation für Demokratische Rechte Deutschland); DİDF (Föderation demokratischer Arbeitervereine); ÖDA (Freiheit und Solidarität); Europäisches Friedensparlament; Revolutionäre Proletariat (Yaşanacak Dünya Gazetesi); Die Dersim Initiative aus Europa; KOMKAR (Konföderation der Vereine aus Kurdistan in Europa); Anatolische Föderation; FEDA (Föderation der Demokratischen Aleviten); Die Initiative Liwa Iskenderun; CENI (Kurdisches Frauenbüro für Frieden); FKE (Föderation der Ezidischen Vereine in Deutschland); YXK (Verband der Studierenden aus Kurdistan; BDAJ (Bund der Alevitischen Jugendlichen in Deutschland e.V.); AAKB (Bund der Alevitischen Frauen in Deutschland e.V.)“

Köln, 22.02.2013

„Strafrechtliche Verfolgung von RechtsanwältInnen in der Türkei: politisch motiviert?“


Podiumsdiskussion

Die innenpolitische Lage in der Türkei spitzt sich zu. Dutzende RechtsanwältInnen (ebenso JournalistInnen, WissenschaftlerInnen, PolitikerInnen u.a.) sind angeklagt Mitglieder terroristischer Organisationen zu sein oder solche zu unterstützen.
Wie laufen diese Prozesse ab, was sind die genauen Vorwürfe und sind diese politisch motiviert?

22. Februar 2013, 19.30 Uhr
Käte-Dinnebier-Saal, DGB-Haus
(Bahnhofstr. 6, 35037 Marburg)

RAin Antonia von der Behrens
(RAV, Berlin)
… verfolgt seit längerem die strafrechtliche Verfolgung kritischer und engagierter JuristInnen in der Türkei. Sie im Zuge dieses Engagements hat sie an einem Prozess gegen 46 RechtsanwältInnen als Beobachterin teilgenommen. Von ihren Erfahrungen bei der Prozessbeobachtung wird sie berichten.

Bianca Winter
(Kampagne „Demokratie hinter Gittern“, Frankfurt)
… engagiert sich in der Kampagne „Demokratie hinter Gittern“, welche die Lage der politischen Gefangenen in der Türkei thematisiert. Dabei legt die Kampagne besonderen Wert auf Gefangene, die aufgrund ihres zivilgesellschaftlichen Engagements verurteilt wurden. Bianca Winter wird die politischen Dimension der Verfahren gegen RechtsanwältInnen und ihre Verbindung zu weiteren sogenannten „KCK-Prozessen“ etwa gegen JournalistInnen oder WissenschaftlerInnen darstellen.

Eine Veranstaltung der
Humanistischen Union Marburg
(hu-marburg.de)
und der
Kampagne „Demokratie hinter Gittern“
(demokratiehintergittern.blogsport.de)

Unterstützt die Bevölkerung Westkurdistans!

Seit März 2011 herrscht in Syrien ein Bürgerkrieg. Täglich erreichen uns neue Meldungen von bewaffneten Auseinandersetzungen, Anschlägen und Massakern. Doch weitgehend jenseits der medialen Öffentlichkeit hat sich im Norden Syriens, genauer in Westkurdistan, eine Revolution in Gang gesetzt. Eine Revolution, bei der bis vor kurzem inmitten eines Bürgerkriegs noch keine einzige Kugel abgefeuert worden ist.

Im Mittelpunkt dieser Revolution stehen die Kurdinnen und Kurden des Landes. Die rund drei Millionen KurdInnen im Land sehen sich seit der Gründung des syrischen Staates nach dem 1.Weltkrieg systematischer Unterdrückung durch die Zentralregierung des Landes ausgesetzt. Nicht nur ihre Sprache wurde verboten. Hundertausenden KurdInnen wurde ihre Staatsangehörigkeit, und die damit verbundenen Bürgerrechte aberkannt. Doch mit dem Ausbruch des Bürgerkrieges haben die KurdInnen ihre Chance genutzt. Seit Juli 2012 hat die Bevölkerung Westkurdistans in vielen Orten die Kontrolle an sich gerissen und das Militär des Baath-Regimes aus ihren Städten heraus gedrängt. Die Bevölkerung hatte beschlossen, sich von nun an kommunal und demokratisch selbstzuverwalten. Das Modell, nach dem sich die Bevölkerung selbst organisiert und verwaltet, heißt Demokratische Autonomie. Ziel ist der Aufbau kommunaler Rätestrukturen, in denen alle ethnischen, religiösen und gesellschaftliche Gruppen der Region eingebunden sein sollen, um gemeinsam mit einer starken Zivilgesellschaft auf Basis des demokratischen Konsenses über die gemeinsame Zukunft selbst zu entscheiden. Dieses Gesellschaftsmodell stellt für die Völker des Nahen und Mittleren Ostens, denen oft nur die Wahl zwischen islamistischen Parteien und neokolonialen Marionettenregimen bleibt, eine demokratische und freiheitliche Perspektive dar.

Doch gewissen Kräften, die ihre ganz eigenen Interessen in der Region verfolgen, ist solch eine fortschrittliche Perspektive ein Dorn im Auge. Allen voran die Türkei, die sich auch in ihren eigenen Grenzen nicht willens zeigt, die kurdische Frage zu lösen, scheut vor keinem Mittel zurück, um die demokratischen Errungenschaften in Westkurdistan zu sabotieren. So lässt sie islamistische Gruppen, die zum Teil in Verbindung mit der Al Kaida stehen, nicht nur frei die türkische Grenze nach Westkurdistan passieren, sondern rüstet diese Gruppe auch mit Waffen und finanziellen Mitteln aus. Als Gegenleistung sollen diese Gruppen die Errungenschaften in Westkurdistan zerstören. Serê Kaniyê, eine westkurdische Stadt an der Grenze zur Türkei, ist seit November letzten Jahres immer wieder zum Angriffsziel islamistischer Gruppen geworden. Obwohl diese Gruppen sogar mit Panzern über die türkische Grenze gerollt sind, um Serê Kaniyê einzunehmen, konnten die bewaffneten kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) bisher die Stadt erfolgreich verteidigen und die Islamisten zurückdrängen. Doch die Versuche, die kurdische Bevölkerung in den Bürgerkrieg weiter hineinzuziehen, halten an, und die Lage in Serê Kaniyê und anderen westkurdischen Städten bleibt angespannt.

Ein weiteres Problem für die Bevölkerung Westkurdistans ist die Versorgungslage. Gegenwärtig ist die Region einem wirtschaftlichen Embargo ausgesetzt und es mangelt vor allem an Lebensmittel und Medikamenten. Neben einer Hungersnot macht der Bevölkerung ebenfalls der schwere Winter zu schaffen. Aufgrund des Embargos fehlen Heizmittel, wie Öl oder Gas. Vor allem das Leben vieler Kinder und älterer Menschen scheint bedroht. Dem Druck des türkischen Staates geschuldet blieben sämtliche Grenzen um das westkurdische Gebiet für Monate geschlossen. Erst kürzlich konnte die Grenze zum anliegenden Nordirak geöffnet werden. ChristInnen, KurdInnen und YezidInnen sind aufgrund ihrer ethnischen und konfessionellen Zugehörigkeit am stärksten von den Kriegsfolgen betroffen. Um die elementare Grundversorgung der Bevölkerung im Norden Syriens zu gewährleisten, und dem Sterben von Kindern, Frauen und älteren Menschen entgegenzuwirken, hat der Kurdische Rote Halbmond eine Hilfskampagne gestartet.

Unter folgender Adresse kann Hilfe geleistet werden:
Kurdischer Roter Halbmond
Schäferstr. 4 / 53859 Niederkassel
Sparkasse Neuwied
Konto-Nr: 186098
BLZ: 574 501 20

Tel.: 0049 (0) 2208 50 60 372 – 0049 (0) 2208 50 60 396
Fax: 0049 (0) 2208 50 60 825

YEK-KOM e.V. / 01.02.2013

Demo-Aufruf 09.02.13 | 15 Uhr | Firmaneiplatz/CNMS

Wir sind sehr Wütend – Und das nicht ohne Grund!

Die Auswirkungen des europäischen Krisenmanagements in Griechenland, Spanien, Portugal, Malta und Zypern werden von Tag zu Tag schwerwiegender. Gesundheits-systeme brechen zusammen, ArbeitnehmerInnen- und Gewerkschaftsrechte werden eingeschränkt, Renten und Löhne gekürzt, Bildung privatisiert. Menschen werden aus ihren Wohnungen geräumt und aus den Innenstädten verdrängt, welche zunehmend zu Spekulationsobjekten werden. Gleichzeitig werden die europäischen Grenzen hochgerüstet und rassistische Ressentiments bedient. Nicht zuletzt wird die Krise als rein wirtschaftliches Problem verstanden, während eigentlich die konkreten Zuspitzungen in unserem sozialen Alltag entscheidend sind.

Immer mehr Lebensbereiche werden von Wettbewerb, Konkurrenz und Ausbeutung durchdrungen – diese kapitalistische Verwertungslogik greift auch hier weiter um sich. Die verheerenden Entwicklungen in Europa und anderswo sind dabei Symptome eines fortlaufenden Angriffs von Kapitalinteressen und deren Profitlogik auf unsere Selbstbestimmung und unsere Bedürfnisse. So ist die Bewältigung der derzeitigen Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems auch eine politische Krise in Form von Demokratieabbau und einer ständigen Verneinung möglicher Alternativen.

Diese Krise manifestiert sich dabei in vielfältiger Form an verschiedenen Orten. Zunehmend werden Widersprüche entlang der sog. Strategien zur Krisenbewältigung und des kapitalistischen Systems deutlich. Lasst uns in Marburg die Orte der Krisenprofiteure, die Orte, an denen die neoliberale Politik gewaltsam durchgesetzt wird, aber auch die Orte der vielfältigen Widerstände gemeinsam benennen und öffentlich sichtbar machen.

Deshalb rufen wir gemeinsam zur Demonstration am 9. Februar auf.

Wir sind wütend…
…weil Waren & Kapital frei zirkulieren können, während Geflüchtete und Illegalisierte der kapitalistischen Verwertungslogik besonders schutzlos unterworfen und mit Rassismus konfrontiert sind. Sie werden an der Einreise in die EU gehindert und hier vielfach in Lagern und Abschiebeknästen eingesperrt.
…weil Menschen durch rassistische Sondergesetze wie z.B. das Asylbewerberleistungsgesetz diskriminiert werden. Sie werden massiv in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und müssen in Lagern leben und haben Arbeitsverbot.
…weil es auch um und in Marburg Unterbringungen für Geflüchtete gibt, die unter anderem durch ihre isolierte Lage und fehlenden Zugang zum Internet Geflüchtete systematisch aus der Gesellschaft ausschließen.
…weil eine breite Öffentlichkeit “die Griechen” auf rassistische Art und Weise zu Sündenböcken für die Krise macht, anstatt zu benennen, dass die BRD Profiteurin und Vorantreiberin der Krise ist.

Wir sind wütend…
… weil Wohnen in Marburg immer teurer wird und Menschen zunehmend an den Stadtrand oder ins Umland verdrängt werden. Die Stadt setzt seit Jahren auf freien Wohnungsmarkt statt auf sozialen Wohnungsbau und selbstverwaltete Räume. Privaten Investoren wie S&S geht es aber um Profite statt Bedürfnisse. So entstehen teure 1-Zimmer-Wohnungen statt Räume für gemeinschaftliches Leben in Form von bspw. Familien oder WGs.
… denn wir wissen dass es anders geht: Mietshäusersyndikate wie das Bettenhaus, in der Ketzerbach oder am Grün gestalten seit Jahren (Wohn-)Raum bezahlbar und in demokratischer Selbstverwaltung. Dafür ist es aber unausweichlich (Wohn-)Raum dem Markt, also kapitalistischer Verwaltung und Eigentumslogik zu entziehen. Fürs Leben muss es soziale Räume geben.

Wir sind wütend…
… weil Reinfried Pohl als einer der reichsten Unternehmer in Deutschland unsere Stadt zu seinem Privateigentum machen möchte.
… weil Pohl sich anmaßt, unsere Stadt nach seinen persönlichen Vorstellungen in Form von Prestigebauten inklusiver seiner privaten Anneliese-Pohl-Gedenkallee “verschönern” zu lassen.
… weil die regierenden und bürgerlichen Fraktionen im Stadtparlament nach Pohls Nase tanzen und seine Wunschliste gegen Spenden erfüllen.

Wir sind wütend…
… weil das Uniklinikum Gießen-Marburg an den Rhön-Konzern als Aktiengesellschaft verschleudert wurde, welcher sich nun mit der Gesundheitsversorgung einer ganzen Region bereichert.
… weil der Rhön-Konzern Personal abbaut und sich die Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsversorgung verschlechtert haben.
… weil Servicebereiche wie die Wäscherei ausgegliedert werden und die Beschäftigten zu Niedriglöhnen arbeiten müssen.
… weil das Klinikum ein Beispiel dafür ist, wie immer weitere Bereiche des menschlichen Lebens dem Profitstreben und der ökonomischen Verwertung unterworfen werden.

Wir sind wütend…
… weil Bildung zunehmend an den Arbeitsmarkt gekoppelt und Wissen kommerzialisiert wird! Wir wollen nicht zu Humankapital ausgebildet werden um möglichst schnell und effektiv im kapitalistischen Verwertungsprozess zu funktionieren!
… weil wir Forschung zu militärischen Zwecken scheiße finden!
… weil Selektionsmechanismen (z.B. NCs, Studiengebühren, Motivationsschreiben) und auf Rankings, Exzellenzinitiativen etc. beruhender (künstlicher) Wettbewerb bedürfnisgerechte Bildung frei von Konkurrenz und Markt für alle Interessierten verhindert und Bildung somit zu einem Privileg für Wenige wird.
…weil wachsender Einfluss demokratisch nicht legitimierter Gremien (z.B. Hochschulrat) jegliche Art demokratischer Strukturen an Bildungseinrichtungen zerstört!
… weil Beschäftigungsverhältnisse in Bildungseinrichtungen immer prekärer werden!

Wir sind wütend…
… weil “männliche” Arbeitsplätze wie bei Opel gerettet werden, die Arbeitslosigkeit von Schlecker-Kassiererinnen aber nicht weiter relevant ist – sie können ja schließlich Erzieherinnen werden.
… weil durch die Krise patriarchale Verhältnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen gefestigt und verstärkt werden. Pflege- und Sorgearbeit ist nach wie vor nicht als die gesellschaftlich notwendige und komplexe Arbeit anerkannt, die sie ist.
…weil Sexismus noch immer salonfähig und alltäglicher Normalzustand ist. Männern die Frauen belästigen und denken, dass es ihr “natürliches” Recht ist sich zu nehmen was sie wollen, muss eine klare und entschlossene Absage erteilt werden und gehören aus dem gesellschaftlichen Räumen ausgeschlossen.

Ob es die Wohnungssituation oder die Privatisierung von öffentlichem Raum in Marburg ist, der Stellenabbau oder mangelnde Versorgung am Uniklinikum, Tarifaus-einandersetzungen an der Uniklinik-Wäscherei, die Militärisierung der Universität und Streichung notwendiger Gelder, patriarchale Verhältnisse und sexistische Arbeitsteilung oder Abschiebungen und rassistische Ausgrenzung – Wir sind sehr wütend und werden das am 9. Februar zum Ausdruck bringen.

Das Krisenbündnis Marburg

Aufruf zur 2. Europakonferenz der YXK in Straßburg am 17./18. Februar

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,

im Widerstand gegen die kapitalistische Modern ist die Organisierung das beste Mittel dazu. Seit Jahrzehnten organisieren sich junge Studierende in ganz Europa und setzen diesen Kampf fort. Das ist mühselig und erfordert große Anstrengungen. Wer sich aber große Ziele setzt, den ermüden die kleineren Aufgaben nicht, so Heval Hüseyin Celebi, der zusammen mit über 75 GenossInnen 1991 das Projekt YXK startete.

Seitdem organisieren sich hunderte Studierende unter dem Dach der YXK. Wir sind kontinuierlich gewachsen. Unsere Arbeiten wurden besser. Neben über 20 Ortsgruppen in Deutschland, gibt es in vielen anderen Ländern in Europa andere Gruppen und Verbände, die die gleichen Ziele verfolgen.

So wie in Kurdistan, gilt es auch für Europa, unsere Kräfte zu bündeln und uns europaweit zu organisieren. Deshalb rufen wir zur 2. Europakonferenz der YXK am 17. und 18. Februar in kurdischen Verein in Straßburg auf. FreundInnen zu zur Demo am 16. Februar in Straßbourg kommen, können auch an unserem Infostand der YXK weitere Informationen bekommen.

Weitere Infos gibt es auch unter: 00491639422107

Mit solidarischen Grüßen,
Verband der Studierenden aus Kurdistan – YXK e.V.