Demo-Aufruf 09.02.13 | 15 Uhr | Firmaneiplatz/CNMS

Wir sind sehr Wütend – Und das nicht ohne Grund!

Die Auswirkungen des europäischen Krisenmanagements in Griechenland, Spanien, Portugal, Malta und Zypern werden von Tag zu Tag schwerwiegender. Gesundheits-systeme brechen zusammen, ArbeitnehmerInnen- und Gewerkschaftsrechte werden eingeschränkt, Renten und Löhne gekürzt, Bildung privatisiert. Menschen werden aus ihren Wohnungen geräumt und aus den Innenstädten verdrängt, welche zunehmend zu Spekulationsobjekten werden. Gleichzeitig werden die europäischen Grenzen hochgerüstet und rassistische Ressentiments bedient. Nicht zuletzt wird die Krise als rein wirtschaftliches Problem verstanden, während eigentlich die konkreten Zuspitzungen in unserem sozialen Alltag entscheidend sind.

Immer mehr Lebensbereiche werden von Wettbewerb, Konkurrenz und Ausbeutung durchdrungen – diese kapitalistische Verwertungslogik greift auch hier weiter um sich. Die verheerenden Entwicklungen in Europa und anderswo sind dabei Symptome eines fortlaufenden Angriffs von Kapitalinteressen und deren Profitlogik auf unsere Selbstbestimmung und unsere Bedürfnisse. So ist die Bewältigung der derzeitigen Krise des kapitalistischen Wirtschaftssystems auch eine politische Krise in Form von Demokratieabbau und einer ständigen Verneinung möglicher Alternativen.

Diese Krise manifestiert sich dabei in vielfältiger Form an verschiedenen Orten. Zunehmend werden Widersprüche entlang der sog. Strategien zur Krisenbewältigung und des kapitalistischen Systems deutlich. Lasst uns in Marburg die Orte der Krisenprofiteure, die Orte, an denen die neoliberale Politik gewaltsam durchgesetzt wird, aber auch die Orte der vielfältigen Widerstände gemeinsam benennen und öffentlich sichtbar machen.

Deshalb rufen wir gemeinsam zur Demonstration am 9. Februar auf.

Wir sind wütend…
…weil Waren & Kapital frei zirkulieren können, während Geflüchtete und Illegalisierte der kapitalistischen Verwertungslogik besonders schutzlos unterworfen und mit Rassismus konfrontiert sind. Sie werden an der Einreise in die EU gehindert und hier vielfach in Lagern und Abschiebeknästen eingesperrt.
…weil Menschen durch rassistische Sondergesetze wie z.B. das Asylbewerberleistungsgesetz diskriminiert werden. Sie werden massiv in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt und müssen in Lagern leben und haben Arbeitsverbot.
…weil es auch um und in Marburg Unterbringungen für Geflüchtete gibt, die unter anderem durch ihre isolierte Lage und fehlenden Zugang zum Internet Geflüchtete systematisch aus der Gesellschaft ausschließen.
…weil eine breite Öffentlichkeit “die Griechen” auf rassistische Art und Weise zu Sündenböcken für die Krise macht, anstatt zu benennen, dass die BRD Profiteurin und Vorantreiberin der Krise ist.

Wir sind wütend…
… weil Wohnen in Marburg immer teurer wird und Menschen zunehmend an den Stadtrand oder ins Umland verdrängt werden. Die Stadt setzt seit Jahren auf freien Wohnungsmarkt statt auf sozialen Wohnungsbau und selbstverwaltete Räume. Privaten Investoren wie S&S geht es aber um Profite statt Bedürfnisse. So entstehen teure 1-Zimmer-Wohnungen statt Räume für gemeinschaftliches Leben in Form von bspw. Familien oder WGs.
… denn wir wissen dass es anders geht: Mietshäusersyndikate wie das Bettenhaus, in der Ketzerbach oder am Grün gestalten seit Jahren (Wohn-)Raum bezahlbar und in demokratischer Selbstverwaltung. Dafür ist es aber unausweichlich (Wohn-)Raum dem Markt, also kapitalistischer Verwaltung und Eigentumslogik zu entziehen. Fürs Leben muss es soziale Räume geben.

Wir sind wütend…
… weil Reinfried Pohl als einer der reichsten Unternehmer in Deutschland unsere Stadt zu seinem Privateigentum machen möchte.
… weil Pohl sich anmaßt, unsere Stadt nach seinen persönlichen Vorstellungen in Form von Prestigebauten inklusiver seiner privaten Anneliese-Pohl-Gedenkallee “verschönern” zu lassen.
… weil die regierenden und bürgerlichen Fraktionen im Stadtparlament nach Pohls Nase tanzen und seine Wunschliste gegen Spenden erfüllen.

Wir sind wütend…
… weil das Uniklinikum Gießen-Marburg an den Rhön-Konzern als Aktiengesellschaft verschleudert wurde, welcher sich nun mit der Gesundheitsversorgung einer ganzen Region bereichert.
… weil der Rhön-Konzern Personal abbaut und sich die Arbeitsbedingungen und die Gesundheitsversorgung verschlechtert haben.
… weil Servicebereiche wie die Wäscherei ausgegliedert werden und die Beschäftigten zu Niedriglöhnen arbeiten müssen.
… weil das Klinikum ein Beispiel dafür ist, wie immer weitere Bereiche des menschlichen Lebens dem Profitstreben und der ökonomischen Verwertung unterworfen werden.

Wir sind wütend…
… weil Bildung zunehmend an den Arbeitsmarkt gekoppelt und Wissen kommerzialisiert wird! Wir wollen nicht zu Humankapital ausgebildet werden um möglichst schnell und effektiv im kapitalistischen Verwertungsprozess zu funktionieren!
… weil wir Forschung zu militärischen Zwecken scheiße finden!
… weil Selektionsmechanismen (z.B. NCs, Studiengebühren, Motivationsschreiben) und auf Rankings, Exzellenzinitiativen etc. beruhender (künstlicher) Wettbewerb bedürfnisgerechte Bildung frei von Konkurrenz und Markt für alle Interessierten verhindert und Bildung somit zu einem Privileg für Wenige wird.
…weil wachsender Einfluss demokratisch nicht legitimierter Gremien (z.B. Hochschulrat) jegliche Art demokratischer Strukturen an Bildungseinrichtungen zerstört!
… weil Beschäftigungsverhältnisse in Bildungseinrichtungen immer prekärer werden!

Wir sind wütend…
… weil “männliche” Arbeitsplätze wie bei Opel gerettet werden, die Arbeitslosigkeit von Schlecker-Kassiererinnen aber nicht weiter relevant ist – sie können ja schließlich Erzieherinnen werden.
… weil durch die Krise patriarchale Verhältnisse, sexistische Arbeitsteilung und Geschlechterstereotypen gefestigt und verstärkt werden. Pflege- und Sorgearbeit ist nach wie vor nicht als die gesellschaftlich notwendige und komplexe Arbeit anerkannt, die sie ist.
…weil Sexismus noch immer salonfähig und alltäglicher Normalzustand ist. Männern die Frauen belästigen und denken, dass es ihr “natürliches” Recht ist sich zu nehmen was sie wollen, muss eine klare und entschlossene Absage erteilt werden und gehören aus dem gesellschaftlichen Räumen ausgeschlossen.

Ob es die Wohnungssituation oder die Privatisierung von öffentlichem Raum in Marburg ist, der Stellenabbau oder mangelnde Versorgung am Uniklinikum, Tarifaus-einandersetzungen an der Uniklinik-Wäscherei, die Militärisierung der Universität und Streichung notwendiger Gelder, patriarchale Verhältnisse und sexistische Arbeitsteilung oder Abschiebungen und rassistische Ausgrenzung – Wir sind sehr wütend und werden das am 9. Februar zum Ausdruck bringen.

Das Krisenbündnis Marburg