Archiv für Juli 2013

Beugehaft, Lügen & Folter: Infoveranstaltung zu den Frankfurter „RZ-Prozessen“


Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „ Repression und Politische Gefangene“ befassen wir uns in diesem Monat mit den aktuellen RZ-Prozessen in Frankfurt am Main.

Seit letzten September stehen Sonja Suder und Christian Gauger vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, vor über 30 Jahren an Aktionen der Stadtguerilla „Revolutionäre Zellen“ beteiligt gewesen zu sein.

Die Anklage beruht auf Lügen und Folter! So verhörten sie einen Angeklagten nach einem schwerem Unfall und nutzen seinen orientierungslosen und schwer traumatisierten Zustand gnadenlos aus. Außerdem drohen sie einer Zeugin seit Monaten mit Beugehaft, weil sie ihre Aussage wegen den katastrophalen Prozessbedingungen verweigert.

Das Beharren des Gerichts auf der dünnen Beweislage zeigt lediglich den auch heute noch ungebrochenen staatlichen Verfolgungswillen gegen militante Linke und den Versuch der Delegitimierung linker Politik. ( weitere Infos: www.verdammtlangquer.org )

Wir freuen uns auf einen spannenden Informations- und Diskussionsabend!

Referent? Hennig Mächerle (Rote Hilfe)!
Wann? Donnerstag (18.07.) 19:00 !
Wo? DGB-Haus Marburg(Bahnhofsstr.6)!

Vortrag und Diskussion: Was ist los auf dem Taksim?


Erfahrungen aus der 2013er Revolte in der Türkei und ihre Hintergründe

Freitag: 12. Juli 2013, 17:00 Uhr, Wilhelm Röpke Str. 6 (Philfak), Raum 05B06

mit Hannah Mühling, Fadime Durmaz und Pedram Shahyar.

Hannah Mühling ist vom 26. Mai bis zum 22. Juni in Istanbul gewesen und berichtet davon, wie sie von Beginn an die Entwicklung der Demonstrationen die Protestkultur im Gezi Park und die massive Polizeigewalt erlebt hat.

Fadime Durmaz, Kurdin und politische Aktivistin war vom 14. bis zum 29. Juni in Istanbul. Sie erzählt von ihren Protesterfahrungen und erklärt, was die unterschiedlichen Gruppen, die sich an den Protesten beteiligen, gemeinsam bewegt. Besonders wird sie auf die Zusammenhänge zwischen der kurdischen und der LGBT-Bewegung und den Gezi-Park Protesten eingehen.

Pedram Shahyar ist langjähriger Aktivist der außerparlamentarischen Bewegungen und aktiv in der Interventionistischen Linken (IL) und bei Attac. In den letzten Jahren bereiste er mehrfach die Aufstandszentren Kairo, Madrid und Istanbul. Er referiert über das Gemeinsame an den globalen Aufständen und sieht die Gezi Park-Bewegung näher am französischen Mai 1968, als am Arabischen Frühling. Und: Er schreibt regelmässig auf seinem Blog:
http://pedram-shahyar.org

Veranstaltet vom Bündnis:Taksim in Marburg

Das Bündnis im Web: http://taksimmarburg.wordpress.com

Der 2. Juli ist seit nunmehr zwei Dekaden ein dunkler Tag in der Geschichte der AlevitInnen.

Am 2.Juli 1993 wurden in Sivas, einer Provinz in Ostanatolien, während des Kulturfestivals zu Ehren des Dichters Pir Sultan Abdal, 35 Menschen, darunter Kultur-, Musik- und Literaturschaffende alevitischen Glaubens, durch einen faschistischen Mob getötet.

Eine religiös fanatische und aufgebrachte Menschenmenge zog an diesem Tag nach dem Freitagsgebet mit hasserfüllten Parolen durch die Stadt zum Austragungsort des Kulturfestivals – das Madimak Hotel in Sivas – und umzingelte ihn. Zuerst wurden parkende Fahrzeuge in Brand gesetzt und das Hotel mit Steinen beworfen, dann warf man Brandsätze auf das Hotel. Das Hotel fing Feuer und dabei starben 35 Menschen. Während die Menschen innen den Flammen hilflos ausgeliefert waren, sah man draußen erhobene Fäuste und hörte religiöse Parolen. Noch heute ist unklar, warum Feuerwehr und Polizei tatenlos zugesehen und erst nach mehreren Stunden eingegriffen haben, obwohl sie das Geschehen von Anfang an beobachteten.

Besonders für die kurdisch- alevitische Bevölkerung der Türkei wurde das Massaker zum Symbolträger einer faschistoiden türkischen Regierung. So grausam und unfassbar das Sivas-Massaker erscheint – es war leider nicht die erste und einzige Unmenschlichkeit dieser Art. Seit dem Anfang der 1900er Jahre waren auch ArmenierInnen, KurdInnen, GriechInnen, ChristInnen und andere verschiedene Volks- und Glaubensgemeinschaften von der faschistischen Politik des türkischen Staates betroffen. Insbesondere die Pogrome in Dérsim, Meraş, Çorum, Séwas und und im Istanbuler Stadtteil Gazi waren gegen AlevitInnen, gerichtet. Denn in vielen Massakern, auch im Massaker von Séwas, wurde unter dem Deckmantel der Religion ein Homogenisierungsprinzip angewandt, um die eigene Glaubensgemeinschaft, die sogenannte umma, psychologisch zu festigen. Andersgläubige wurden als ungläubige Kafir bezeichnet. Mit dieser Motivation, also der Verkörperung eines Feindbildes, wurde Antipropaganda gegen alle nicht sunnitisch und nicht türkischen Gemeinschaften im Land betrieben. Die einzige Möglichkeit diesem Druck zu entfliehen war, sich der dominierenden Glaubensgemeinschaft anzuschließen. So mussten AlevitInnen entweder den sunnitischen Islam annehmen oder sie wurden verfolgt.

Ein staatlicher und parastaatlicher Terror, der sich auch heute noch regelmäßig in Kurdistan und in der Türkei zeigt. Das Roboski-Massaker, in dem 34 kurdische ZivilistInnen durch einem Luftangriff der türkischen Armee ums Leben kamen, ist ein weiteres Beispiel in der nahen Gegenwart. Auch in den Jahrzehnten vor dem Séwas-Massaker bis in die Zeiten des Osmanischen Reiches, gab es viele Genozide und Massaker. Gemein ist allen, dass die herrschenden Regime diese Verbrechen niemals richtig aufgearbeitet haben, sodass stets weitere folgte.

Die Verantwortung für diese dramatischen Ereignisse tragen nicht nur die damaligen Regierungsparteien CHP und MHP, sondern auch gegenwärtig die türkische AKP-Regierung. Dass sich in der Haltung des Staates nichts geändert hat, sehen wir in dem Versuch die 3. Brücke über den Bosporus nach Yavuz Sultan Selim zu benennen, einem Osmanischen Sultan, der seinerzeit über 40000 AlevitInnen ermorden ließ.

Deshalb ist es nicht nur die Aufgabe von AlevitInnen gegen dieses System der Massakern und Genozide zu kämpfen. Alle humanistischen, demokratischen und fortschrittliche Menschen sind aufgerufen, diese Verbrechen zu verurteilen und sich für die Aufarbeitung der Vergangenheit einzusetzen. Hierbei ist es besonders wichtig, dass die Rolle der kemalistischen CHP bei diesen Massaker untersucht wird und alle Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen werden.

Wir gedenken an diesem 2. Juli 2013 ein weiteres Mal den 35 Opfern, die vor 20 Jahren dieser Menschenfeindlichen Ideologie zum Opfer gefallen sind. Wir verurteilen alle auf das schärfste, die bewusst sich gegen die lückenlose Aufklärung dieses Massakers sträuben.

Verband der Studierenden aus Kurdistan e.V. (YXK), 2. Juli 2013