25.11.2014: Vortrag „Mehr als ein bewaffneter Kampf: Kobanê, IS und die Revolution der Frauen in Kurdistan“

Vortrag zum internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen mit Dilar Dirik.

TagGegenGewaltAnFrauen2014

Am 25.11.2014, um 19:15 Uhr, im Raum +1/0030, Hörsaalgebäude, Biegenstr. 12, Marburg.

In den vergangenen Wochen ist durch die akute Situation in Kobanê der Widerstand der Kurd*Innen gegen den sogenannten Islamischen Staat, vor allem der kurdischen Frauen, ins Licht der Medien gerückt worden. Dass sich Frauen aus einer konservativen, männerdominierten Gesellschaft im Nahen Osten gegen solch eine brutale Organisation bewaffnen und sie sogar besiegen können, hat die Weltöffentlichkeit fasziniert. Die Parole „Die Dschihadisten haben Angst vor kurdischen Frauen, weil sie, wenn sie von Frauen getötet werden, nicht in den Himmel kommen“ wiederholt sich in fast jeder Reportage heutzutage.

Doch statt sich mit den radikalen Implikationen auseinanderzusetzen, die der Widerstandskampf von Frauen vor allem angesichts der feudal-patriarchalen Strukturen Kurdistans ausmacht, exotisieren viele Reporter diese Frauen als mysteriöse Amazonen ohne ihre politischen Motivationen zu betrachten.

Sogar Modezeitschriften eignen sich nun den Überlebenskampf kurdischer Frauen für ihre Zwecke an und banalisieren und depolitisieren dabei die Hintergründe dieses Widerstandes.

Doch welche politischen Ideen und Bewegungen stecken hinter dem sagenhaften Widerstand kurdischer Frauen gegen den IS?

Obwohl die Weltöffentlichkeit militante kurdische Frauen erst vor kurzem entdeckt hat, kämpfen Frauen in Kurdistan tatsächlich bereits seit mehreren Jahrzehnten gegen verschiedene Systeme. Doch bis vor kurzem wurden sie ignoriert, marginalisiert, kriminalisiert und als terroristisch bezeichnet. Außerdem steckt hinter dem Widerstand kurdischer Frauen viel mehr als nur ein militärischer Kampf gegen eine mörderische Mentalität: nämlich ein radikale soziale Revolution, die weit über das Schlachtfeld hinaus geht.

Der sogenannte IS brutalisiert Frauen nicht nur physisch, sondern versucht auch, alles wofür die Frauenbewegung steht zu zerstören. Die Miliz hat explizit einen Krieg gegen Frauen angesagt. Der IS nutzt sexuelle Gewalt als systematisches Kriegsmittel durch Verschleppungen, Zwangsehen, Vergewaltigungen und Sexsklaverei. Er instrumentalisiert Religion für seine Zwecke und beutet den Begriff der “Ehre”, der in der Region vor allem um den Körper und die Sexualität von Frauen formuliert wird, aktiv aus. Allein in Shengal wurden tausende ezidische Frauen verschleppt, vergewaltigt, auf Sex-Sklavenmärkten verkauft oder Dschihadisten als Kriegsbeute geschenkt. Diese systematische Zerstörung von Frauen ist ein explizites Kriegsmittel, eine spezielle Form der Gewalt: Feminizid.

In vielerlei Hinsicht ist der Islamische Staat das genaue Gegenteil der kurdischen Frauenbewegung. Man kann davon sprechen, dass zurzeit vor allem in Kobanê sich nicht nur zwei unterschiedliche Kampfparteien gegenüberstehen, sondern zwei komplett polare Gedankensysteme und Weltverständnisse. Parallel zum existentiellen Kampf gegen den IS hat die Frauenbewegung in Rojava sämtliche administrative, soziale, legale, politische und wirtschaftliche Maßnahmen ergriffen, um eine Gesellschaft aufzubauen, die die Befreiung der Frau als ein Kernprinzip ihres Freiheits- und Demokratieverständnisses betrachtet.

Die autonom organisierte Frauenbewegung möchte die feudal-patriarchale Mentalität der Gesellschaft ändern und hat sich bereits in Räten, Parteien, Kooperativen und verschiedenen Strukturen organisiert. Gesetze wurden erlassen, die aktiv gegen Gewalt an Frauen und Geschlechterdiskriminierung vorgehen sollen. Freiheit wird nicht auf die Zeit nach dem Krieg verschoben, sondern wird hier und jetzt umgesetzt. Denn die Erfahrungen vieler Freiheitsbewegungen haben gezeigt, wie schnell die Befreiung der Frau „nach der Revolution“ oder „nach der Befreiung“ vergessen werden kann.

Der Widerstand der kurdischen Frauen ist nicht nur militärisch ein existentieller Kampf gegen den IS, sondern eine politische Haltung gegenüber der patriarchalen sozialen Ordnung. Sie kämpfen nicht nur gegen die Vergewaltiger des IS, sondern ebenfalls gegen die Vergewaltigungskultur der eigenen Gesellschaft, die Vergewaltigungsopfer als „schmutzig“ betrachtet, ausschließt und manchmal sogar „um die Ehre zu retten“ ermordet. Und es ist diese Haltung, diese Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft, die trotz der zweimonatlangen Prophezeiungen, Kobanê würde jeden Moment fallen, die Stadt aufrecht erhalten hat. Nicht weil die YPG und die YPJ dem IS militärisch-waffentechnisch überlegen sind, sondern weil ihre Ideologie, ihr Freiheitskampf das Potential hat, die Hegemonialansprüche des IS komplett zu zerstören.

Dieser Vortrag wird die Geschichte der kurdischen Frauenbewegung erläutern und in diesem Rahmen den aktuellen Krieg gegen den IS in Rojava analysieren.